Selbstbestimmtheit als Prinzip bei dänischen Kindern
Wie wir schon im ersten Teil unserer Blogserie über das Thema Kindheit in Dänemark beschrieben haben, so handelt diese Beitragsreihe darüber, wie es ist, Kind einer Spieltante in Dänemark zu sein. Den zweiten Beitrag kannst du hier finden. Warum wir unseren Kindern reichlich Gelegenheit zu freiem Spielen - sowohl zu Hause als auch in der Schule - geben, kannst du in diesem Beitrag lesen.
Kinder lernen spielerisch am besten
Vielleicht klingt das erst einmal etwas krass. Aber für dänische Kinder ist es ganz normal, täglich von 08.00 h bis ca. 16.00 h in die Krabbelstube oder Kita zu gehen - oft schon ab einem zarten Alter von 10 Monaten. Und wenn es vom Kindergarten in die Grundschule wechselt, ist ein dänisches Kind etwa 6 Jahre alt. Der Schultag dauert oft bis ungefähr 14.00 h. Dänische Schulen haben ein Betreuungsangebot für Kinder, wo sie sich vor und nach dem Unterricht aufhalten können. Insofern verbringen viele Kinder auch nach der Schule noch Zeit auf dem Schulgelände und spielen dort mit anderen Kindern. Insofern kann man sagen, dass viele Kinder fast den ganzen Tag lang außerhäuslich betreut werden, damit ihre Eltern arbeiten gehen können.
Was machen dänische Kinder den ganzen Tag lang? Einen Großteil der Zeit sind Kinder aufgrund der Betreuungssituation zusammen mit einer Gruppe anderer Kinder und spielen. Sie spielen frei oder die Spiele oder Aktivitäten werden von Erwachsenen geleitet. Wir sind dankbar, dass unsere Kinder von klein auf mit Gleichaltrigen zusammen sein können und gemeinsam ihre Fähigkeiten entdecken. Es geht darum, Spaß und Freude zu haben, egal, was man gerade tut - und das wird auch noch in der Schule gerne praktiziert.
Wie war das jetzt mit dem Spielen? Wir sind der festen Meinung, dass Kinder beim Spielen am besten lernen. Sie lernen dabei besser, als wenn sie passiv sind und stillsitzen müssen.


Ein Tag in einer dänischen Kita
Ein dänischer Kindergarten, es ist 15 Uhr. Du trittst ein. In einem der drei Räume sitzt ein Erzieher und schnippelt etwas aus Papier, um ihn herum sitzen Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren. Dein Kind ist nirgends zu sehen. Plötzlich biegen 4 Kleinkinder um die Ecke, in ihren kleinen Händen halten sie Papprollen, durch die sie grölen,, während andere Kinder draußen am Spielplatz Sand an die Fenster werfen. Du versuchst, einen Erzieher zu finden, der dir helfen kann, dein Kind zu suchen, doch es ist nur der papierschneidende Pädagoge anwesend - derjenige, der gerade zu verhindern versucht, dass die Kinder die Vorhänge zerschneiden.
Du gehst also nach draußen auf den Spielplatz. Die Kinder dort wuseln lebhaft herum, sie sind auf Laufrädern oder Dreirädern unterwegs, sie sitzen in den Bäumen oder im Spielhaus neben der Sandkiste. Vielleicht laden sie dich zu einer Tasse Matschekakao und Kuchen aus Sand mit Gänseblümchendeko ein. Es ist ein Wirrwarr an kleinen Menschen und Stimmen, es wird gelacht, gekreischt, geweint und gestritten.
Dein Kind findest du schlussendlich auf einem Hügel in der Ecke, es ist gerade dabei, eine Zirkusmanege für die Ameisen zu bauen. Aber vermutlich ist das alles noch ein Geheimnis und du sollst wieder gehen, komm schon, Mama, damit du die Ameisen nicht erschreckst…
Du lässt dein Kind fertigbauen und findest endlich einen Erwachsenen, den du gerne fragen möchtest, was dein Kind heute so alles gegessen oder gemacht hat. “Äh, jaaa, was war das nochmal … wir haben gespielt. Wir haben den ganzen Tag lang gespielt. Es war ein guter Tag. … Eeemiiil, hast du dir weh getan? Äh, ich muss dann… wir sehen uns morgen!” Und weg ist der Erzieher.
Und den Eindruck haben wir Spieltanten eigentlich auch: dass es ein guter Tag war. Ein Tag, an dem man richtig viel frei gespielt, vieles erlebt und bewältigt hat. Ein Tag, an dem man die Welt mit Freunden und Gleichaltrigen teilen durfte. Manchmal gibt es Schrammen oder Konflikte oder die Stulle ist am Boden gelandet. Doch auch aus diesen Dingen lernen unsere Kinder etwas. Auch, wenn wir nicht dabei waren.


Freies Spielen hat einen wichtigen Platz im Alltag
Einen großen Teil der Zeit, die unsere Kinder in einer pädagogischen Betreuung verbringen, dürfen sie selbst entscheiden, was sie spielen. Das nennt sich dann freies oder intuitives Spielen und diese Form des Spielens ist seit den Siebzigern ein wichtiger Bestandteil der dänischen Kindheit. Damals entfernte man sich von einer eher konservativen Einstellung zum Thema Kinder und Spielen, wo man Kinder als eine Art „leere Gefäße“ oder als unfertige Menschen ansah, die man mit Wissen, Normen und Regeln befüllen sollte.
Das freie Spielen begleitet dänische Kinder von ihrer Geburt an bis zur Jugend und nimmt einen wichtigen Platz in ihrem Alltag ein. Man schafft Zeit und Raum, damit Kinder das machen können, worauf sie Lust haben - ohne, dass sich Erwachsene einmischen. Wir haben diese Einstellung, dass Spielen wichtig ist, damit Kinder sich zu neugierigen und zufriedenen Menschen entwickeln können. Kinder sollen die Welt eigenständig entdecken dürfen, ohne dass Erwachsene ständig sagen, wo es lang geht - und sie lernen auch viel voneinander, wenn sie frei spielen.
Natürlich sind Erwachsene in pädagogischen Einrichtungen und Schulen zugegen, um bei Konflikten einzugreifen, zu trösten oder ein Pflaster zu holen, doch es gibt keine übermäßige Kontrolle oder Überwachung der Kinder. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es keinen Zaun um eine Schule gibt und Kinder insofern die Schule einfach verlassen könnten. Doch das tun sie nicht, obwohl sie niemand aufhalten würde, da ein grundsätzliches Vertrauen zwischen Kindern und Erwachsenen herrscht.
Inwieweit profitieren Kinder von freiem Spielen?
Wenn man keine Angst haben muss, dass man etwas falsch machen könnte, dann kann man sich ganz entspannt darin üben, Lösungen zu finden. Und was auch wichtig ist: Fragen zu finden. Auf diese Weise profitiert schlussendlich eigentlich die Gesellschaft - wenn wir so entspannt und frei sind, dass wir einen gesunden Zugang zu unserer natürlichen Neugierde haben, Fragen stellen und Lösungen suchen. Freies Spielen handelt davon, selbständig Rahmen und Handlung zu definieren. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Man spielt und dabei verhandelt man über Rahmenbedingungen, Handlung und Regeln mit den anderen Spielteilnehmern und findet unterwegs heraus, wie sich das Spiel weiterentwickeln soll.
Durch das Spielen und ihre Neugierde werden Kinder motiviert, neugierig und wissbegierig zu sein und sind dadurch offen zu lernen. Wir glauben, dass diese Neugierde von den Kindern selbst kommen muss - als Eigenmotivation. Kinder sollen lernen, selbständig zu denken und ihren Platz in der Gemeinschaft einnehmen können, ohne sich vordrängeln oder am lautesten zu schreien. Freies Spielen erfordert mehr als das Einhalten von Erwachsenenregeln und kann herausfordernd und anstrengend sein. Anstrengender und auch lehrreicher als so mancher Test, für den man etwas Langweiliges auswendig lernen musste.
Daher gibt es in der Grundschule auch keine Benotung. Noten gibt es erst ab etwa der 6. Klasse. Und bis zur 9. Klasse, also bis die Kinder etwa 14 sind, gibt es auch keine Examen. Der grundlegende Gedanke dahinter ist, dass Kinder lernen sollen, eigenständig zu denken und ihre eigenen Ideen entwickeln. Es geht nicht länger darum, Fragen von Erwachsenen korrekt beantworten zu können. Wir brauchen neues Wissen, neue Denkweisen und neue Fragen, damit diese Welt weiterbestehen kann - und es sind unsere Kinder, die diese Entwicklung vorantreiben.


Soziale Kompetenzen sind genauso wichtig wie fachliche
Es gibt klare Zielsetzungen dafür, was das einzelne Kind in der Krabbelstube, im Kindergarten oder der Schule lernen soll - festgelegt vom Staat und von der jeweiligen Einrichtung.
Die Lernziele und der Lehrplan beinhalten die Zielsetzung sozialer Kompetenzen und Selbständigkeit im selben Maße wie fachliche Kompetenzen. Dass man einander respektvoll und zuvorkommend behandelt, Fürsorge zeigt, zuhören oder in einem Spiel verlieren kann, sind Fähigkeiten, die genauso wichtig sind wie Lesen und Schreiben lernen. Sozialkompetenzen eignen sich Kinder beispielsweise im Rahmen freien Spielens an - idealerweise in einer Spielumgebung, in der sie sich sicher und geborgen fühlen. Wenn wir unsere Kinder in eine pädagogische Einrichtung schicken, dann hoffen wir, dass sie diese sichere und geborgene Umgebung sein kann.
Natürlich kommt es auch vor, dass Kinder sich in ihrer Kita oder Schule nicht geborgen fühlen. Das kann viele Gründe haben. Unter anderem daran, dass in den letzten Jahren viel an öffentlichen Geldern in pädagogischen Einrichtungen eingespart wurde. Mehr und mehr Eltern wählen heutzutage anstatt einer öffentlichen eine private Schule oder Kita, unter anderem darum, weil sie merken, dass durch die Einsparungen zu wenig Personal anwesend ist. Und wenn Erzieher fehlen, dann fehlen natürlich auch menschliche Ressourcen. Doch auch wenn das Konzept des freien Spielens einen hohen Stellenwert hat, bedeutet das nicht, dass keine Erwachsenen anwesend sein müssen - im Gegenteil. Erwachsene braucht es dabei, denn sie sollen unsere Kinder begleiten, wenn es um Konflikte, Rücksicht und Respekt und andere zwischenmenschliche Punkte geht. Durch einen liebevollen Umgang und positive Verstärkung erleben Kinder, dass ein rücksichtsvoller und respektvoller Umgang miteinander die besten Voraussetzungen für ein gutes Spiel gibt. Und nicht irgendwelche starren Spielregeln, die ein Erwachsener irgendwann aufgestellt hat.
Wenn nicht genügend Pädagogen zur Verfügung stehen oder alle beschäftigt sind, gibt es zuwenig Aufmerksamkeit für die soziale Dynamik zwischen den Kindern und dann kann es passieren, dass das freie Spiel nicht seinen Zweck erfüllt, sondern in Chaos übergeht. Ähnlich wie bei den Kindern in “Herr der Fliegen”, wo Kinder sich selbst überlassen sind und die starken über die weniger starken Kinder triumphieren. Freies Spielen verlangt einen Einsatz - von Erwachsenen wie von Kindern. Auf diese Weise sind Spiele mit festgesetzten Regeln - oder auch die Arbeit mit einem Schulbuch - weniger aufwändig, da alles in vorbestimmten Bahnen verläuft.
Obwohl wir Spieltanten manchmal erleben, dass die Erzieher uns kein vollständiges Referat über den Tagesablauf unseres kleinen Augapfels geben können, so erwarten wir dennoch, dass es unserem Kind wohl ergeht und es geborgen ist. Es ist vielleicht ein Paradox, aber dabei geht es wohl auch um dieses Grundvertrauen, das es von der dänischen Bevölkerung zu den Behörden und generell zueinander gibt.


Kinder lernen auf unterschiedliche Weise
Eine Kindheit bei den Spieltanten ist von der Vorstellung geprägt, dass Kinder alles Notwendige lernen, wenn wir Erwachsene nur dafür sorgen, dass ihre Lernumgebung positiv und sicher ist, wir ihre Interessen unterstützen und ihnen die spannenden Seiten unserer Welt zeigen. Das kann in Form von Spielzeug oder Erlebnissen sein oder das Leben selbst - Kinder sollen am echten Leben teilnehmen dürfen und nicht in einer beschützenden Seifenblase leben, finden wir. Es ist okay, sich das Knie aufzuschlagen, beim Klettern vom Baum zu fallen und generell zu sehen, dass das Leben voller Herausforderungen steckt. In der ToyAcademy haben wir “Kompetenz-Pflaster” - denn es ist eine lehrreiche Sache, sich zwischendurch mal das Knie aufzuschlagen. Dann weiß man, was noch zu lernen ist, bevor man sicher in einem Baum klettern kann oder ein Tor mit dem Fußball schießen kann.
Unser großer Fokus auf freies Spielen und kindliche Autonomie prägt auf eine andere Weise als ein schlecht bewertetes Examen. Aber natürlich lernen und reagieren Kinder auch ganz unterschiedlich und auch freies Spielen kann für manche schwer sein. Wir Menschen sind einfach verschieden. Es gibt einen Begriff, der heißt “neurologische Diversität”. Das bedeutet, dass unsere Gehirne - unsere Nervensysteme - unterschiedlich und einzigartig sind. Wir lernen, erfahren und erleben unterschiedlich. Es gibt kein Richtig oder Falsch - es gibt nur viele unterschiedliche Arten des Seins und des Lernens.
Neurologische Diversität bedeutet auch, dass wir Eltern dafür sorgen müssen, dass unsere Kinder herausgefordert werden, aber auch, dass sie Geborgenheit und Sicherheit erfahren. Wir müssen darauf aufmerksam sein, dass manche unserer Kinder es schwer haben, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen und dass diese Herausforderungen vielleicht einen Einsatz von uns Erwachsenen verlangen. Wenn unser Kind nicht genug intellektuelle Stimulation erfährt oder ihr Wohlbefinden besorgniserregend ist, dann müssen wir handeln. Wir können uns mit den Erziehern oder Lehrern zusammensetzen, das Problem erörtern und auch im privaten Bereich nach Lösungen suchen.
Kinder, die im Unterricht nicht mitkommen und Kinder, die sich im Unterricht schnell langweilen, brauchen beide Unterstützung. Bei uns in der ToyAcademy findest du dafür zahlreiche tolle Ideen, um dein Kind beim Lernen zu unterstützen - Lernspielzeug für jedes Alter, Spielgeräte, Spielzeug für die sensorische Stimulation und vieles mehr.
Lies mehr darüber, wie es ist, Kind bei den dänischen Spieltanten zu sein
Vielleicht möchtest du gerne lesen, was Hygge bei uns zuhause ist, warum wir die Zeit vor dem Schlafengehen gerne “Wolfsstunde” nennen oder wie es sonst so ist, bei einer Spieltante aufzuwachsen? Unsere Blogserie zum Thema wartet nur darauf, von dir gelesen zu werden. Den ersten Beitrag zur Serie findest du hier. Und hier kannst du ein wenig über die ToyAcademy, unsere Vision und die Menschen dahinter lesen. Viel Vergnügen!
















