Schmutzig werden - toll für die kindliche Entwicklung

Junge mit dreckigen Händen
18. April 2023

Erde in den Haaren, Dreck auf der Hose und ein Leuchten in den Augen - Sauberkeit ist beim Spielen zweitrangig

Aufwachsen bei den Spieltanten - Teil 1

Wie du schon in unserer Einführung in diese Blogreihe lesen konntest (die du hier finden kannst), möchten dich die dänischen Spieltanten gerne einladen, zu schnuppern, wie es zuhause bei den Spieltanten zugeht. Ja, wie ist es eigentlich, Kind einer Spieltante zu sein? Hier kommt der erste Teil der Reihe und darin kannst du lesen, warum wir ein so  entspanntes Verhältnis zu schmutzigen Kindern haben.

1: Unsere Kinder werden RICHTIG dreckig beim Spielen

Und damit meinen wir nicht einen kleinen Marmeladenklecks an der Backe oder etwas schwarze Fingernägel. Es geht noch mehr. Wenn unsere Kinder von der Krabbelstube, Kita oder Schule heimkommen, kann man den Schneeoverall einfach in die Garderobe stellen. Denn der ist oft so schmutzig, dass er von alleine stehen kann. Das bedeutet, dass wir oft täglich Oberbekleidung und Stiefel reinigen. Daher haben wir auch gerne mindestens zwei Garnituren an Oberbekleidung und Schuhe pro Kind, denn so gibt es auf jeden Fall ein brauchbares Set zum Anziehen, während die andere Garnitur gewaschen werden kann.

Dänemark ist ein Land mit fünf Monaten. Diese heißen November, November, November, November, November, Juni, Juli, August, September, November, November, November. Einen Großteil des Jahres haben wir feuchtes, graues und kaltes Wetter. Das feuchtkalte Klima ist also einer der Gründe für die schmutzige Oberbekleidung unserer Kinder. 

Schmutzige Kleidung nach dem Spielen in DänemarkSchmutzige Kleidung nach dem Spielen in Dänemark

Schwarze Zehen im Sommer

Auch in den Sommermonaten sieht es nicht besser aus. Denn da laufen unsere Kinder mit nackten Füßen draußen herum. Bei fast jedem Wetter. Kohlrabenschwarze Fußsohlen sind daher Teil unseres Alltags. Wenn Kinder in der Kita und Schule sind, gibt es oft Sonnencreme auf Arme, Beine und Gesicht, was natürlich dazu führen kann, dass die eingecremten Körperteile besonders klebrig sind und wie ein Magnet auf Schmutz und Staub wirken. Erzieher oder Lehrer könnten die Idee zu einer Wasserschlacht bekommen, daher ist es wichtig für dänische Eltern, immer für Wechselkleidung zu sorgen. Im Sommer kann es so weit kommen, dass unsere Kinder mit zwei Garnituren klatschnasser Kleidung nach Hause kommen - mit Erde in den Haaren, Dreck auf den Knien und den schwärzesten Zehen, die die Menschheit je gesehen hat… 

All das ist ziemlich normal für uns und wir Erwachsene wissen dann, dass unsere Kinder einen herrlichen Tag hatten.

Es gibt einen Spruch bei uns, dass man ein halbes Kilo Dreck pro Jahr essen soll, um gesund zu bleiben. Daher sind wir ganz entspannt, falls sich mal eine Prise Sand oder ein paar Ameisen in den Pausenbrotbehälter verirrt haben.

Die Kinder der Spieltanten dürfen ab etwa 6 Monaten mit den Händen essen. Denn wir haben den Eindruck, dass, obwohl ein nicht unbeträchtlicher Teil des Breis oder der Banane in den Haaren, Ohren oder auf dem Boden landet, unsere Kinder auf diese Weise sehr gut eigenständig essen lernen. Denn sie verwenden sowohl ihre Fein-, als auch ihre Grobmotorik samt all ihre Sinne, wenn sie versuchen, ihr Essen eigenhändig vom Teller in ihr Mündchen zu führen. Das alles hinterlässt oft ein ziemliches Schlachtfeld, doch dafür spricht, dass viele Kinder bereits mit Besteck essen können, bevor sie 2 Jahre alt werden. Nur wenige Kinder über einem Jahr werden noch von Erwachsenen gefüttert.

Mit all dem bisher beschriebenen ist es ziemlich logisch, dass wir eine tägliche Dusche auch ganz normal finden, oder? Ganz zu schweigen vom Glücksgefühl, eine funktionierende Waschmaschine zu besitzen!

Woher kommt es, dass die Spieltanten so entspannt sind, wenn es um Dreck geht?

Viele Eltern in Dänemark scheinen schwarze Zehen, schmutzige Oberbekleidung und klebrige Kinderkörper, die mit Sand oder Staub bedeckt sind, mit kindlichem Wohlergehen und Draufgängertum zu verbinden. Je schmutziger unsere Kinder beim Spielen geworden sind, desto mehr sind sie im Kontakt mit der Natur und ihrer Umwelt gewesen - und desto mehr wurden ihre Sinne und ihre Fantasie angeregt. So empfinden es zumindest viele. Vielleicht ist das ein etwas drolliger Gedankengang. Aber warum verbinden wir eigentlich Schmutz mit Wohlbefinden?

Es ist wohl eine grundlegende Annahme der dänischen Erziehungskultur, dass es Kindern gut tut, wenn sie an der frischen Luft spielen. Und wenn man ein paar Stunden draußen ist, wird man natürlich auch schmutzig. Nicht, dass wir dafür stets diverse wissenschaftliche Studien zitieren, es ist einfach ein allgemein anerkannter Grundsatz, über den sich alle einig zu sein scheinen.

Viele wählen auch ganz bewusst eine pädagogische Einrichtung, in der Kinder viele Stunden täglich an der frischen Luft verbringen - beispielsweise einen Waldkindergarten, wo Kinder den ganzen Tag im Wald sind - bei jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Diese Einrichtungen tragen zu einer positiven Entwicklung bei, denn das ständige Draußen-Sein stärkt die Resilienz und die Lernbereitschaft von Kindern. Natürlich ist die Realität auch oft so, dass Kinder in einem Waldkindergarten klatschnass werden oder frieren. Doch sie lernen, damit umzugehen, sie lernen, dass sie hüpfen müssen, um den Körper aufzuwärmen und sie bekommen herrlich rote Bäckchen dabei und wir Erwachsenen fühlen uns darin bestärkt, dass diese Wald-Frischluft-Dreck-Idylle richtig toll für unsere Kinder ist.

Frische Luft & Bewegungsdrang sind eine tolle Kombination

Kinder spielem im SchmutzKinder spielem im Schmutz

Viele dänische Kinder wohnen heutzutage in urbanen Gegenden, wo es viel Verkehr, Lärm und Luftverschmutzung gibt, was die romantische Idee vom Spielen an der frischen Luft etwas verblassen lässt. Doch auch Kinder am Land wohnen manchmal in der Nähe von Feldern, die mit Pestiziden besprüht werden oder wo eine Autobahn grenzt. Doch wenn man an früher denkt, die Zeit,  in der man auf kleinstem Raume gelebt und mit Kohle geheizt hat, kann man gut verstehen, dass man es damals für die beste Idee hielt, Kinder zum Spielen nach draußen zu schicken.

Dänemark war immer ein Bauernland und es war daher praktisch, wenn Kinder draußen spielen konnten, während die Eltern für ihre Landwirtschaft aktiv waren. Auch die ganz kleinen Babys wurden bereits mit nach draußen genommen. Das ist heute noch so: Die meisten dänischen Babys halten von Anfang an ihr Mittagsschläfchen in ihrem Kinderwagen an der frischen Luft - im Garten, Hof oder vor dem Café - falls Mama oder Papa schnell eine Tasse Kaffee trinken möchten. Wir verwenden ein Babyfon, um zu hören, wenn sie aufwachen. Schon im zarten Babyalter tut frische Luft einfach gut und im Winter werden sie einfach ganz dick eingepackt.

Heutzutage haben Kinder eigene Kinderzimmer mit einem vernünftigen Raumklima und massenhaft Spielzeug. Eigentlich genug Gründe, um auch drinnen zu spielen. Trotzdem. Wir finden trotzdem, dass das Spielen an der frischen Luft die beste Option für unsere Kinder ist.

Ein guter Grund ist uns noch nicht untergekommen, um uns von der Überzeugung abzubringen, dass frische Luft und ein wenig Dreck für unsere Kinder wertvoll sind. 

Wir nennen es “das letzte Pulver verschießen”, wenn wir die Kinder raus zum Spielen schicken. Dabei hoffen wir, dass sie ihre Energie und Spannungen spielerisch abbauen können, wenn sie draußen sind und dort wie kleine Düsenraketen durch den Hof oder Garten flitzen, hüpfen, krabbeln, klettern und kleine Abenteuer erleben. Und wo hat man am besten Platz für diese Form der körperlichen Entfaltung? Draußen. Viele Schulen oder pädagogische Betreuungsstätten haben glücklicherweise Außenareale, die diesen Bedürfnissen entsprechen.

Kindheit bei den Spieltanten - eine Blogserie zum Mitlesen

Vielleicht hast du Lust bekommen, noch mehr darüber zu lesen, wie es ist, zuhause bei den Spieltanten in Dänemark aufzuwachsen? Vielleicht möchtest du wissen, was es mit dem Konzept “Hygge” auf sich hat oder was der Begriff “Wolfsstunde” in Dänemark bedeuten kann und vieles mehr? Hier findest du den ersten Teil der Serie zum Nachlesen. 

Wenn du mehr über die ToyAcademy wissen möchtest, dann kannst du hier klicken. Und wenn du Lust haben solltest, unsere Tipps für eine lehrreiche Kindheit zu lesen, dann klicke hier

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