Entwicklungssprünge und Meilensteine der kindlichen Entwicklung - Das plastische Gehirn

Entwicklungssprünge und Meilensteine der kindlichen Entwicklung - Das plastische Gehirn
17. Januar 2023

Eltern sein kann schwer sein in diesen Zeiten. Von allen Seiten werden wir mit Expertenratschlägen, gutgemeinten Tipps und fachlich mehr oder weniger fundierten Erziehungsargumenten und -leitfäden bombardiert. In diesem Beitrag legen wir den Fokus daher erst einmal darauf, all die Ratschläge und Meinungen auszusortieren, die darauf hinausgehen, wann dein Kind dies und das können sollte oder wieviele Purzelbäume ihr schlagen solltet, um die Sprachentwicklung zu optimieren oder um endlich windelfrei zu werden. 

Wir haben die Ergotherapeutin Ann Helene gebeten, in dem ganz und gar unübersichtlichen Haufen an Erziehungs-Halbwissen aufzuräumen. Sie hat uns hierbei einiges über die kindliche Gehirnentwicklung erzählt:

 

  • Das Gehirn entwickelt sich - nicht nur bei Kindern, sondern das ganze Leben lang
  • Es ist nie zu spät, neue Fähigkeiten zu erlernen
  • Inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Sprache und Motorik gibt
  • Wie Entwicklungssprünge und Gehirnplastizität zusammenhängen

Und wer ist Ann Helene eigentlich?

Ann Helene Kristensen ist Teil des Expertenteams der ToyAcademy und wir sind sehr froh, sie mit an Bord zu haben.

“Ich bin Ergotherapeutin und habe mich auf Kinder innerhalb des normalen Entwicklungsspektrums spezialisiert. Ich arbeite täglich mit Kindern, Eltern oder Betreuern, um einen bestmöglichen Alltag für diese Kinder zu ermöglichen. Mit Hauptaugenmerk auf die sensomotorische Entwicklung von Kindern betreibe ich meine Beratungsstelle baby-steps.dk in Kopenhagen, wo ich versuche, Kindern die besten Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung zu geben.” 

Das Gehirn entwickelt sich - das ganze Leben lang


Vielleicht hat man dir geraten, dass du mit deinem Baby täglich Säuglingsgymnastik machen solltest. Oder vielleicht hast du auf Instagram gelesen, dass alle möglichen Arten von Unheil eintreten können, falls dein Baby ein wenig unsymmetrisch krabbelt? Vielleicht war da auch eine Freundin, die dir erzählt hat, dass IHR Kind das ABC nun sogar schon rückwärts kann…?

Bekommst du vielleicht auch manchmal ein wenig Stress, wenn du an die verschiedenen Entwicklungsschritte denkst und all das, was Kinder in diesem und jenem Alter lernen und können sollten?

Das verstehe ich ehrlich gesagt sehr gut. Alle Eltern möchten ihre Sache so gut wie möglich machen und man kann leicht unsicher werden, ob man nicht etwas übersehen hat oder besser machen könnte.

Wenn ich den Teilnehmern meines Baby-Kurses für sensomotorische Entwicklung Zeichen von Entwicklungsphasen-Stress anmerke, pflege ich ihnen zu sagen:

"Sei ganz entspannt. Das Gehirn verliert nie sein Entwicklungspotential. Es behält seine Plastizität - ähnlich wie Knetmasse, die von Eindrücken geformt wird.

Das Gehirn reagiert nämlich auf Einflüsse. Je mehr Einflüsse, desto besser.”

Unser Gehirn ist nämlich plastisch. Fantastisch, oder?

Dass sich das Gehirn das ganze Leben lang entwickeln kann, ist relativ neues Wissen. Davor haben viele noch angenommen, dass die Gehirnentwicklung mit 25 Jahren abgeschlossen wäre. Das stimmt nicht - das wissen wir heute. Es ist nie zu spät, um sich neue Fähigkeiten anzueignen.

Neues Wissen über unser Gehirn zeigt größere Zusammenhänge

Als die ToyAcademy vor 17 Jahren ihre Türen öffnete, galt es als bahnbrechende neue Erkenntnis, dass die Lernfähigkeit von Kindern durch die Integration von Körper und Bewegung angeregt werden konnte. Dass das Werfen und Fangen eines Balles positiv dazu beitragen konnte, dass Kinder sich besser auf den Unterricht konzentrieren konnten, hat unsere Einstellung zum Lernen nachhaltig verändert.

Heute ist das alles ganz logisch für uns. Eine Entfernung einschätzen zu können und sich auf einen Gegenstand oder die ganze Umgebung zu konzentrieren - egal ob mit einem Ball oder an einer Schultafel - hat also durchaus etwas miteinander zu tun, auch wenn das anfangs schwer vorzustellen war.

Heutzutage spielen Kinder Rechenrallye, Zahlenball oder machen Rechengymnastik - schon im Krabbelstubenalter wird auf spielerisches Lernen mit Bewegungselementen Fokus gelegt. Die damals noch neuartige Idee der ToyAcademy, Spielzeug anzubieten, das Gehirn UND Körper anregt, hat inzwischen Schule gemacht. Die meisten Menschen wissen heutzutage, dass die Verwendung des Körpers für die Wissensaneignung und das Erlernen neuer Kompetenzen enorm wichtig ist. Denn - unser Gehirn und der Rest unseres Körpers hängen zusammen.

Doch wie genau hängt das ganze eigentlich zusammen? Was hat man in der Zwischenzeit herausgefunden, seit die ToyAcademy 2005 ihr Projekt startete, um Kinder spielerisch in ihrer Entwicklung zu fördern?

Kreuzbewegungen trainieren das Zusammenspiel zwischen linker und rechter Gehirnhälfte

Wenn dein Kind krabbelt, müssen die Bewegungen der Arme und Beine synchronisiert werden, damit der Körper dabei nicht die Balance verliert. Dein Kind trainiert dabei seine Fähigkeit, seine Beine und Arme über die Körpermittellinie zu koordinieren. Beim Erlernen der Krabbelbewegung arbeiten die rechte und linke Gehirnhälfte das erste Mal so richtig zusammen.

Das Gehirn besitzt zwei Hemisphären bzw. Hälften. Das Zusammenspiel zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte ermöglicht es, dass wir uns eine Handlung vorstellen und diese dann auch durchführen können.

Die Entwicklung der Verbindungen zwischen den verschiedenen Gehirnfunktionen ist enorm wichtig. Unser Gedächtnis, unsere Fähigkeiten wie z. B. das Rückwärtsgehen, das Spielen eines Instrumentes oder Rechnen hängen auf eine weit komplexere Weise zusammen als bisher angenommen. 

Um eine Handlung oder Aktivität durchzuführen, müssen wir eine Vorstellung davon haben, auf welche Weise wir dabei unseren Körper einsetzen müssen - und die erforderlichen motorischen Teilhandlungen planen können. Danach sollen wir sie ausführen und auf eventuelle Eindrücke reagieren können.

Daher ist die Kreuzkoordination so wichtig - damit unsere Gehirnhälften gut zusammenarbeiten können. Arme und Beine werden beim Krabbeln diagonal zueinander bewegt. Die Krabbelphase wird daher oft als (erster) Meilenstein der kindlichen Entwicklung bezeichnet.

Doch nicht nur beim Krabbeln finden Kreuzbewegungen statt. Auch wenn dein Kind rollt, robbt oder sich um die eigene Achse dreht, macht es Kreuzbewegungen. All diese Bewegungen sind Vorstufen zum Krabbeln und zum Gehen lernen.

“Es ist ganz unterschiedlich, wann ein Kind krabbeln oder sich rollen kann.

Und das ist völlig okay.

Der Normbereich ist ziemlich breit, die meisten Kinder erlernen die Koordination von rechter und linker Körperseite, wenn sie dafür bereit sind.

Mein bester Rat lautet daher: Spielt ruhig weiter und seid ganz entspannt.”

Was ist ein Entwicklungssprung überhaupt?

Wenn kleine Kinder einen großen Schritt in ihrer Entwicklung machen, zeigt sich dies auch in ihrer Gehirnentwicklung - das bezeichnen wir dann als Meilensteine der Entwicklung oder als Entwicklungssprung. Wenn sich das Kind die Kompetenzen einer Entwicklungsphase angeeignet hat, beginnt die nächste Phase.

Anfänglich ist das Erlernen von neuen Fähigkeiten noch anstrengend, doch mit der Zeit bringen die neuen Kompetenzen eine Entspannung mit sich. Das schützt dein Kind vor einer konstanten Überforderung durch neue Eindrücke.

Die großen Entwicklungssprünge hören irgendwann auf, doch die fantastische Eigenschaft der Plastizität unseres Gehirns bleibt bestehen. Dadurch kann sich das Gehirn unser ganzes Leben lang entwickeln. Sensorische Eindrücke prägen fortwährend unser Gehirn, neue Routinen werden geschaffen und es gibt immer wieder neue Möglichkeiten zur Entwicklung. Mit anderen Worten haben wir genügend Zeit, um zu lernen.

Sprache und Bewegung - Kann man mit Ballspielen sprachliche Fähigkeiten verbessern?

Vereinfacht gesagt kümmert sich unsere rechte Gehirnhälfte um das Greifen, während die linke Gehirnhälfte für das Be-Greifen zuständig ist. Ich werde versuchen, diese vereinfachte Darstellung näher zu erklären:

Im ersten Lebensjahr deines Kindes ist die rechte Gehirnhälfte am aktivsten. Hier entwickelt es seine Reaktionsfähigkeit. Es lernt, seinen Körper zu verwenden und die Eindrücke des Körpers zu verstehen.

Später wird auch die linke Gehirnhälfte mehr aktiviert und hilft Babys, die Welt besser zu verstehen. Sprache spielt dabei eine große Rolle. Mithilfe von Sprache entwickelt sich unsere Fähigkeit, die Welt zu begreifen und Gefühle, Eindrücke, Erlebtes und Begriffe einzuordnen.

Unsere beiden Gehirnhälften arbeiten konstant zusammen, wenn wir uns in unserer Welt bewegen, erleben, handeln, reagieren und erfahren. Alle Eindrücke werden über unsere Sinne an unser Gehirn geschickt, das diese verarbeitet und darauf reagiert. Man könnte sagen, ähnlich wie Knetmasse ändert sich unser Gehirn mit den Eindrücken, die es bekommt und die Weise, wie es darauf reagiert.


Unsere beiden Gehirnhälften hängen und arbeiten eng zusammen - mit Bewegungsspielen wie Ballspielen können wir daher die sprachliche Entwicklung positiv unterstützen. Indem wir die eine Gehirnhälfte stärken, fördern wir auch die andere Gehirnhälfte, da die beiden in einer kausalen Beziehung zueinander stehen.


Wenn dein Kind mehr und mehr Kontrolle über seine Körperbewegungen gewinnt, entsteht Raum für die Aneignung von Sprache. Es kann so aussehen, als würden die sprachlichen Kompetenzen mit Baumkletter-Kompetenzen zeitgleich ansteigen, doch gibt es hierfür keinen wissenschaftlich nachweisbaren kausalen Zusammenhang. Doch gibt es durchaus eine Korrelation - also eine beobachtbare Wechselbeziehung - zwischen Sprachentwicklung und Bewegung.

Das Beste, was du für dein Kind diesbezüglich tun kannst, ist die Integration von vielfältigen spielerischen Aktivitäten in eurem Alltag. Singt etwas, lies deinem Kind ein schönes Buch vor, hüpft und bewegt euch gemeinsam, baut eine Höhle, zeichnet und spielt draußen in der Natur - gerne auch im Matsch. Spielt alleine, in Gruppen, mit Freunden, spielt drinnen und draußen, probiert einfach alles aus. In der ToyAcademy findest du Spielzeug und Spielgeräte für alle Gelegenheiten.

Das Gehirn ist ein Gewohnheitstier 

Unser Gehirn liebt Gewohntes und Routinen. Dabei bildet es wichtige Verbindungen, auf die es in der Zukunft zurückgreifen kann, um in einer Situation schnell agieren zu können, ohne jedes Mal sorgfältig abwägen zu müssen. Daher tendiert unser Gehirn dazu, Gewohntes zu bevorzugen, damit Kapazität für neue Herausforderungen gewonnen und sensorische Eindrücke verarbeitet werden können.

Schon ganz kleine Babys bilden Erfahrungen aus den Informationen, die sie über Sinneseindrücke von ihrer Umgebung erhalten. Im Alter von etwa 3 - 4 Monaten lernen Babys, ihre Bewegungen und Handlungen zu kontrollieren - etwa, wenn sie nach einem Gegenstand greifen oder bewusst etwas mit der Hand zum Mund führen, um es damit zu erforschen. Dies sind die ersten Bewegungen, die wir willentlich ausführen. Jedes Mal, wenn unsere Hand zum Mund geführt wird, wird diese Bewegung sicherer und kompetenter. Eine automatisierte Bewegung wird so etabliert.

Die sensomotorische Entwicklung von Körper und Gehirn 

Früher unterschied man zwischen der Entwicklung der Sinne und der motorischen Entwicklung. Man betrachtete diese Entwicklungen als zwei verschiedene Systeme. Man sprach davon, dass man eines davon trainieren und damit das andere System beeinflussen könne.

Heute sehen wir die verschiedenen Bereiche der sensomotorischen Entwicklung als eine zusammenhängende Entwicklung. Das tun wir daher, weil alle motorischen Bewegungen eine Reaktion auf Eindrücke sind. Unsere Sinne stärken unsere Motorik und durch unsere Motorik erhalten wir Sinneseindrücke.

Alle Sinneseindrücke unterstützen das Gehirn deines Kindes in seiner Entwicklung. Die sensorischen Wahrnehmungen werden als Impuls an das Gehirn gesendet, um dort verarbeitet zu werden. Diese Impulse sind auch eine Art Nahrung für das Gehirn, denn sie bringen auch Fettmoleküle mit sich, die das Gehirn stark und gesund machen.

Unser plastisches Gehirn verändert sich unser ganzes Leben lang. Das bedeutet, dass wir theoretisch immer neue Fertigkeiten und Fähigkeiten erlernen können. Dabei automatisieren wir neue Bewegungsmuster und Reaktionen und entwickeln uns. Daher macht es wirklich Sinn, dass wir unser Leben lang auf unsere Sinne achten und diese trainieren. Auch als Erwachsene sollten wir unsere Wahrnehmung immer wieder herausfordern, damit wir ein gutes Lernfundament beibehalten können.

Machst du dir immer noch viele Gedanken über Entwicklungssprünge und -meilensteine? Mein Rat für dich ist, nicht allzu ehrgeizig zu sein, sondern den Fokus vor allem auf das Wohlfühlen und Gedeihen deines kleinen Babys zu legen.

Spielt einfach weiter. Das kommt schon alles noch.

Danke fürs Mitlesen.